Freitag, 4. Juli 2014

Schlechte Zeiten für Emi

Wenn man mit einem ängstlichen Hund, wie es Emi von Anfang an war, durchs Leben geht, dann freut man sich über jeden Erfolg, den man erreicht. So ist es uns in den letzten (fast) zwei Jahren ergangen. Jeder Schritt, der uns einem unbeschwerten und angstfreieren Hund näher brachte, war für uns ein kleines Fest.

Leider mussten wir in den letzten Wochen ein paar Rückschläge einstecken.
Da war zum Beispiel dieser furchtbare Gewittersturm am Pfingstmontag. Als das Gewitter hier richtig losging, kam dieses schon einem Weltuntergang gleich. Die Blitze zuckten im Minutentakt in einer Intensität, wie man sie vorher noch nie erlebt hatte, und der Donner erschreckte sogar hartgesottene Menschen durch seine wahnsinnige Lautstärke. Als Hundebesitzer ist man in solcher Situation natürlich besonders besorgt. Doch seltsamerweise zeigten die Hunde so gar keine Reaktion. Sie lagen entspannt im Wohnzimmer und kümmerten sich so gar nicht um das, was draußen gerade passierte. Nur in den Morgenstunden, als ein Blitz in der Nähe irgendwo einschlug, war es Manu, der mal kurz aufsprang und dann friedlich weiterschlummerte.


So kam Emis Wandelung für uns doch sehr überraschend. Sie wollte partout nicht mehr in den Garten. Sie ging bis in den Hausflur, aber durch die Gartentür ging sie keinen Schritt. Da half kein gutes Zureden, nichts, Emi blieb eisern. Erst nach drei, vier Tagen war dieser Spuk dann langsam vorbei, und Emi kehrte zurück zu alten Gewohnheiten. Wir atmeten auf, bis dann der Freitag kam.

An diesem Freitag war ich mit Emis Spaziergang gut eine Stunde früher dran, als gewohnt. Wir wollten zur Hundewiese, auf der wieder neues Heu lag, das zum fröhlichen Wälzen einlud. Zuerst ging auch alles gut. Zusammen mit einem jungen Rüden, Rusti, mit dem Emi schon öfter gespielt hatte, gingen wir das erste Stück, und während die beiden an einer riesigen Heurolle schnüffelten, tauchte ein Stück weiter eine unbekannte Hundegruppe auf. Ein älteres Ehepaar mit einem Labradoodle, der gerade eingeleint wurde, eine Frau und ein Teenagermädchen gemeinsam mit einem schwarzen Hund und einem angeleinten Husky. Als die Frau uns sah rief sie sofort:" Darf die mal schnuppern?", während der schwarze Hund auf Emi zustürmte. Stürmische Hunde sind nicht unbedingt Emis Problem. Meistens sind sie ihr sogar willkommen, wenn man mit ihnen herrlich flitzen und spielen kann. Danach sah es auch zuerst aus. Emi rannte voran, der schwarze Hund hinterher. In diesem Moment ließ die Frau abrupt die Leine des Huskys fallen (später meinte ein Augenzeuge, der Hund hätte sich losgerissen, ich meine aber nicht) und verfiel im selben Moment in hysterisches Geschrei:" Neeeeeeiiiiin, ich trau mich nicht, ich trau mich nicht" und klärte uns atemlos darüber auf, dass sie den Hund ja erst 5 Tage habe. Sie würde sich doch noch nicht trauen, ihn frei laufen zu lassen. Das Geschrei ging also in der gleichen Tonlage weiter.
In dem Moment, wo sich der Husky ins Spiel einmischte, veränderte sich zeitgleich das Verhalten des schwarzen Hundes, der begann Emi beim Spiel (?) in die Hinterläufe zu zwicken (beißen?). Emi jaulte immer wieder auf, die beiden Hunde begannen eine Hetzjagd auf sie, und die Frau kreischte weiterhin hysterisch, dass ihre Tochter den Husky wieder einfangen solle, immer und immer wieder. Gerade dieses schrille Schreien stachelte die Hunde immer mehr an, wobei sich eigentlich niemand für das Verahlten des schwarzen Hundes interessierte. Die Jagd wurde immer schneller und wilder.

Und so stand ich dort und hatte überhaupt keine Möglichkeit einzugreifen, weil die Hunde einfach zu schnell waren und mein Hund mich in seiner Not sowieso nicht mehr hörte. Das ist ein schreckliches Gefühl von Hilfslosigkeit und zusehen müssen. Auch wenn ich heute noch darüber nachdenke und überlege, wie ich Emi hätte helfen können, es mag mir nichts einfallen, bis auf die Tatsache, dass ich nie mit ihr unangeleint auf diese Gruppe hätte treffen dürfen.
Letztendlich hat Emi dann die Entscheidung getroffen geradeaus zu laufen, weil sie so mehr Tempo aufbauen konnte. Auf halber Strecke konnte das Teenagermädchen endlich den Husky einfangen, vielleicht ging ihm auch langsam die Puste aus. Der schwarze Hund ließ auch von Emi ab, und die Frau war endlich still. Damit war das Thema auch für alle Anwesenden erledigt. Keiner beachtete mich, die ich endlich zu Emi eilen konnte. Diese saß total verstört am Ende der Wiese auf dem Heufeld, stark heschelnd und panisch. Erst als ich wenige Schritte von ihr entfernt war, kam sie vorsichtig auf mich zu und ließ sich ausgiebig umschmusen. Ich glaube, das tat mir in diesem Moment genauso gut wie ihr, denn ich fühlte nicht nur mein Versagen, sondern auch das schlechte Gewissen, weil ich sie doch quasi im Stich gelassen hatte.

Natürlich war der Spaziergang somit verfrüht zu Ende, und es war sicher nicht die größte Katastrophe, dass ich an diesem Abend auch noch den Haustürschlüssel vergessen hatte. Dafür hat man Familie, die einen einlässt, wenn man wieder zu schusselig war. Emi dagegen war an diesem Abend unser absolutes Sorgenkind. Richtig elendig sah sie aus, wie sie weitere zwei Stunden im Wohnzimmer lag und hechelte.

Das Ausmaß ihres "Traumas" zeigte sich dann am nächsten Tag, nämlich in dem Moment, in dem wir auf unserem Spaziergang einem anderen Hund begegneten, einem Retrieverrüden, die Sanftmut in einer Person, mit dem Emi schon häufig über die Wiese getollt war. Nur bei dem ansatzweisen Versuch eines Schnüffelns jagte Emi in Panik bis zur Mitte der Wiese davon. Bei allen anderen Hunden drückte sie sich schutzsuchend an meine Beine, blieb zögernd auf dem Weg stehen und wollte nur weiter, wenn wir einen großen Bogen um die anderen Hunde gingen. Selbst Rusti, den sie wirklich sehr gut kennt, schenkte sie kein rechtes Vertrauen. Er durfte in ihre Nähe, schnüffeln ging gerade noch, doch bei jeder seiner Bewegungen zuckte sie zusammen.

So stehen im Moment ruhige Spaziergänge auf unserem Programm, vorzugsweise, wenn man wenigen Menschen und Hunden begegnet, wobei es da anscheinend keine Regel gibt, an die man sich halten kann. Die Fußball WM kommt uns aber etwas entgegen, denn gerade wenn Deutschland spielt, kann man schon gut eine Stunde vorher durch fast ausgestorbene Gegenden wandern. Das tut uns gut, und auf diesen Spaziergängen lebt Emi endlich wieder auf, rast über die Wiese und ist schön ausgelassen. Mit Ruhe und Geduld schaffen wir dann auch sicher bald wieder die nächsten Schritte, damit Emi wieder unbeschwerter durchs Leben gehen kann.
Ich dagegen, ich werde wohl nicht vergessen und noch mehr aufpassen, damit ihr so etwas nicht mehr passiert.

Bald spielt Deutschland gegen Algerien. Wir sind hier ganz alleine mit dem Abendhimmel

So sieht die Heuwiese heute aus. Man sieht, über die Geschichte ist fast schon wieder Gras gewachsen

Kein Mensch, kein Hund weit und breit - Totenstille

Emi nutzt die Zeit und genießt die Ruhe

Kommentare:

  1. Was für ein schlimmes Erlebnis - für Dich und für Emi. Dein Gefühl irgendwie versagt zu haben kann ich verstehen, aber in dieser Situation hast Du nichts machen können. Ihr habt doch schon viel mit Emi erreicht und ihr werdet sicher auch das überstehen ... leider wird es halt wieder etwas dauern.
    Ich drücke euch die Daumen, dass ihr noch eine Zeit ungestörte Spaziergänge habt.
    Liebe Grüße,
    Isabella mit Damon und Cara

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  2. Ohje, das klingt ja furchtbar. Tut mir echt leid, Emi, dass du so eine Erfahrung machen musstest. Ich hoffe, du kommst bald wieder darüber hinweg und kannst wieder mit anderen Hunden spielen. Glaub mir, nicht alle sind böse, das weiß ich aus Erfahrung,

    Wuff-Wuff dein Chris

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  3. Ach nein, das tut mir so leid für Emi und ich kann so mit dir fühlen. Lilly ist vielleicht nicht ganz so sensibel aber sensibel genug. Manchmal würde ich zu gerne wissen, was sie denkt und was ihr solche Angst macht. Im letzten Jahr war es bei uns so schlimm, dass Lilly nicht mehr spazieren gehen wollte. Gar nicht. Null. Sobald wir mit dem Auto auf dem Feld angekommen sind, hat sie Panik bekommen und wollte das Auto nicht mehr verlassen. Ich war am Verzweifeln. Letztendlich haben wir uns einen Hundetrainer ins Haus geholt, welcher uns wirklich sehr geholfen hat. Wie das ganze im Herbst - bei der diesjährigen Jagdsaison - aussieht, bleibt abzuwarten. Hoffentlich geht sie spurlos an Lilly vorüber. Ich wünsche Emi auf jeden Fall wieder mehr Vertrauen in sich und ihre Umwelt. Ihr schafft das. Ganz sicher :-)

    Liebste Grüße

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  4. Es ist immer wieder traurig zu lesen, dass der Sozialkontakt für Hunde nicht immer ein positives Erlebnis ist. Zudem ist es natürlich unmöglich, wenn die Frau ihren Hund nicht halten kann. Auch, wenn sie ihn erst 5 Tage hat. Er hätte ja auch ein Kind zu laufen oder über die Straße laufen können.

    Es bleibt nur zu hoffen, dass sich Emi wieder fängt und Euch solche Erlebnisse erspart bleiben…

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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