Montag, 22. September 2014

Gruselig

Hm? Das könnte was sein. Ich tippe mit dem Finger auf eine Stelle im Stadtplan, die für mich sehr interessant aussieht. Nicht weit von unserem Haus gibt es dort einen riesigen, hellgrünen Fleck, der nur von wenigen Wegen durchzogen wird. Feld? Ja, definitiv Feld, und meine Neugier ist geweckt. Die Gegend kennen wir gut, aber diesen hellgrünen Bereich haben wir noch nicht bemerkt. Sofort kribbelt es in meinen Füßen. Der WBE ist da weniger neugierig und verweigert die Frischluftzufuhr um diese Uhrzeit an einem Sonntag und hat sowieso andere Pläne. Es ist zwar schon Abend, aber bis zur Dunkelheit sind es sicher noch 1-1,5 Stunden. Das passt schon!
Emi muss sowieso noch raus und ist als freiwillige Begleitung schnell an meiner Seite. Wir marschieren los.


Nach circa 15 Minuten erreichen wir die kleine Straße, die vom Wohngebiet abführt. Diese hatte ich vorher noch nie bemerkt und bin wirklich gespannt, was mich jetzt erwarten wird. Ruhig ist es hier, sehr ruhig und absolut menschenleer. Rechts sind Gärten, die sich durch Sichtschutz und hohe Hecken von der Außenwelt abgeschottet haben. Links nur wildes Gestrüpp.

Als wir die Zivilisation, sprich Straße, weit hinter uns gelassen haben, erkenne ich in der Ferne einen Mann, Marke Zopfträger, der auf uns zukommt, aber dann rechts aus meinem Blickfeld wegtritt. Aha, ein Gassigänger, der gerade seinen Hund schnuppern lässt. Ich fasse Emi, Fräulein Leinengiftzwerg, etwas kürzer, und bald schon haben wir ihn auf Sicht. Von Hund keine Spur, dafür sehe ich jetzt deutlich an seiner Handbewegung, dass er sich an seinem Hosenstall zu schaffen macht. Das ist doch wohl kein........?
Ui, zigtausend "Aktenzeichen XY"- Sendungen, die ich in frühester Jugend im elterlichen Wohnzimmer über mich ergehen lassen musste, ziehen an meinem geistigen Auge vorbei.
Was tun? Rückzug?
Aber ich will doch wissen, wohin der Weg führt. Erleichtert sehe ich eine Radfahrerin auf mich zukommen. Emi und ich erhöhen unser Tempo, sodass wir zeitgleich mit der Radlerin den Mann passieren. Wir werfen uns vielsagende Blicke zu und suchen schnell das Weite. Mein Kontrollblick über die Schulter verrät mir, dass der Mann sich nur erleichtert hat und nun Richtung Straße verschwindet. Das haben wir schon einmal überlebt. Es kann also weiter gehen.

Ein kurzes Stück später gabelt sich der Weg. Rechts geht es anscheinend durch Schrebergärten, links liegt das Feld. Leider steht dort auch ein Lieferwagen, an dem  zwei zwielichtig aussehende Männer lehnen. Warum denke ich jetzt gerade an eine in Teppich eingewickelte Leiche, die entsorgt werden soll? Fantasie hatte ich ja schon immer. Manchmal wäre es dann auch mal gut, wenn diese Pause machen würde. Aber Sie wissen ja, Aktenzeichen XY lässt grüßen.
Wo geh ich also lang?
Natürlich Richtung Schrebergärten.
Soviel gepflegte Gartenkunst habe ich sicher noch nie auf einmal gesehen. Mit schlechtem Gewissen denke ich an den eigenen Garten und beschließe am nächsten Morgen sofort den Rasen zu mähen. Sollte ich das hier überhaupt überleben, denn die lieben Gärtner haben wohl schon lange ihr Tagwerk beendet. Die Gärten sind ja sowas von leer. Puh! Erst am Ende wuseln noch zwei Männer um ein Fahrrad herum.
Ach nein, nicht schon wieder so unheimliche Gestalten.
Ihre laute Diskussion auf Russisch kann mich auch nicht beruhigen. Falls sie jetzt einen Mordkomplott gegen mich schmieden, dann können sie das ruhig, denn ich verstehe ja sowieso kein Wort.
Also, ab die Post.
Augen zu und durch.

Endlich erreichen wir einen weiteren Weg Richtung Feld. Yipee! Der Anblick, der sich uns bietet ist genial. Ein riesiges Gebiet, einzelne Wege und, wie sollte es anders sein, menschenleer. Schön.  Das ist was für Manu!!
Leider geht am Horizont langsam die Sonne unter, sodass es sich sicher nicht mehr lohnt das weite Gelände zu erkunden. Wer weiß, wo wir da auskommen? Immerhin kann Emi hier endlich ohne Leine laufen.
Rechts führt ein kleiner Pfad durch eine Wiese, vorbei an weiteren abgeschotteten Gärten. Dieser Weg müsste uns wohl wieder Richtung Straße führen. Rein theoretisch, wenn meine geografische Berechnung stimmt, die aber nicht unbedingt die Beste ist.

Bald schon führt der Weg in einen kleinen Wald. Buuuuh, ist es hier aber dunkel und einsam. Was ich sonst genießen würde, sorgt nun doch für leichte Beunruhigung.
Würde ein Verbrecher, der sich hier im Gebüsch versteckt hält und auf ein Opfer wartet sich eigentlich vom Anblick eines Hundes abschrecken lassen? Vorsichtig blicke ich auf Emi herunter und versuche auf einer Skala von 0-10 ihren Gefährlichkeitsfaktor festzulegen. So wie sie sich jetzt gerade mit genüsslichem Grunzen in "ich will es lieber erst gar nicht wissen" wälzt, könnten wir uns höchstens Minuspunkte auf der Skala einfahren.
Aber vielleicht merkt der Verbrecher ja nicht unbedingt, dass zu dem Bangbüxfrauchen auch ein Bangbüxhund gehört? Besser wär´s!
Wie würde Emi eigentlich reagieren, wenn jetzt ein Angreifer auf mich losstürmt? Ist sie dann fort oder verteidigt sie mich?
Die Gedanken sind nicht unbedingt hilfreich für einen  entspannten Spaziergang. Richtig gruselig ist es hier. Vorsichtshalber lasse ich meinen Kopf kreisen, damit mir keinerlei Bewegung vor uns, hinter uns, rechts oder links entgeht. Mein ohnehin ledierter Nacken knackst im Rhythmus und freut sich dennoch über die unerwartete Gymnastik.
So ein schönes Gassigebiet. Hier muss doch mal jemand mit Hund erscheinen. Das gibt es doch nicht!

Ich will mir auch nie mehr ein Feld für mich und Hund so ganz alleine wünschen. Versprochen!

Und tatsächlich tauchen sofort Mann, Frau und zwei Hunde auf, und ich muss mit Leinenkläffer-Emi an diesen vorbei. An der engsten Stelle des Weges, versteht sich.
Heute ist Emi jedoch in friedlicher Mission unterwegs, und so erreichen wir bald glücklich und zufrieden das Wohngebiet.

Zu Hause schwärme ich dem WBE, so ganz ohne Hintergedanken, von diesem Traumgebiet vor, sodass er ganz wild darauf wird, Manu und mich am nächsten Tag dorthin zu begleiten, grins.

Inzwischen waren wir schon mit allen Hunden dort spazieren, und was soll ich sagen, es ist wirklich schön dort und gar nicht menschenleer.
-Manu kann wunderbar an seiner langen Leine laufen.
-Man kann herrlich in Wasser und Matsch versinken, sodass es bis zum Oberschenkel spritzt.
-Man trifft sehr nette Leute, die einem stundenlang aus ihrem Leben mit Hund erzählen.
-Man trifft nette, spielbegeisterte Hunde, und bis jetzt nur nette Hundehalter, die bei Manus Anblick,  aufgrund der langen Leine, ihren Hund sofort anleinen oder wenigstens nachfragen.

Aber die Atmosphäre à la Hitchcock, die wird es wohl NIE WIEDER geben. Die war einmalig und nur für Emi und mich!!

Kommentare:

  1. Ohje, jetzt habe ich aber eine richtige Gänsehaut bekommen. Wir lieben diese einsamen Wege ja auch, aber nicht, wenn es dunkel wird. Der WBE sollte euch nicht so spät noch alleine los lassen in fremde Gefilde, der muss da echt besser auf euch aufpassen *nick* Ich hoffe, es bleibt so schön in eurem neuen Traumgebiet zum Gassi-Gehen!

    Wuff-Wuff euer Chris

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  2. Da habt ihr ja ein echt schönes Gassigebiet gefunden. Auch wenn es am ersten Abend ein bisschen gruselig war. Weiterhin viel Spaß dort.
    Liebe Grüße vom Emma und Lotte Frauchen

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  3. Hahaha Sylvia, es ist sooo schön, wenn man sich in den Geschichten wiedererkennt... Perfekt beschrieben, ich liiiieeebe Kriminalblogmane und was soll ich sagen:

    Es soll bitte schön, schön einsam sein. Sooo einsam nun aber auch wieder nicht - herrlich! In Zukunft werde ich mich wohl auf meinen einsamen Wanderungen weniger gruseln, sondern bestimmt lachen und an Euch denken. Soll es mal einer wagen, sich im Halbdunkeln mit einer Spanischen Kampfpinscherette anzulegen - hust.

    Hallooooo, ist da jemand???

    LG Andrea

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  4. Liebe Sylvia,

    Du kannst so herrlich schreiben. Ich liebe Deine Geschichten immer sehr. Ganz wunderbar. Natürlich könnte mir das nicht passieren, da ich so orientierungslos bin, würde ich nie am Abend einen solchen Weg gehen. Umso mehr freue ich mich über Dein Abenteuer.

    Und dass Dein Mut Euch einen so tollen Ort zum Gassi gebracht hat ist doch das beste Ende Deines Gruselgangs

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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