Freitag, 24. April 2015

Einmal um den Obersee, bitte




Letzer Urlaubstag. Die Meteorologen haben Bombenwetter angesagt.  Da gibt es nur eins, die Tour, die mir schon lange im Kopf rumtanzt, muss endlich umgesetzt werden.

Relativ früh setzen wir, Emi und ich, uns schon in Bewegung Richtung Eifel, und das ist auch gut so, denn unser Navi hat eine absolute Belgiensperre. Da unser Weg aber ein itsi bitsi durch einen Hauch von Belgien führt, leitet uns die Dame mit der leicht nasalen Stimme vom Höcksken aufs Stöcksken, sodass ich irgendwann die Hoffnung auf den Obersee und den Startpunkt in Einruhr aufgebe. Mir ist ja auch schon ganz dusselig im Kopf von all den Serpentinen und der Konzentration auf die vielen Blitzer, die hier alle paar Meter am Straßenrand auftauchen. Böse Zungen würden glatt behaupten, es gibt hier fast mehr Blitzer als Bäume. Wenn ich heute ohne Foto nach Hause komme, dann glaube ich an Wunder.



Irgendwann taucht dann doch Einruhr auf und präsentiert sich als hübsches, sehr gepflegtes  Touristenstädtchen,




wo die Parkzeit leider überall in Gold aufgewogen wird. Egal wo man auch sucht.
Dabei liegt das Geld bei mir doch ganz tief unten im Rucksack, weil ich damit nicht gerechnet habe.
Als ich mich gerade meinem Schicksal ergeben will und das Portemonnaie aus den Tiefen meines Rucksacks fluchend an die Oberfläche zerre, wobei mir mehr oder weniger der ganze Proviant um die Ohren fliegt, taucht dann doch noch eine kostenfreie Parklücke auf, die ich sofort in Beschlag nehme. Was sich zuerst in Freude äußert, wird Stunden später in Bedenken umschlagen, wenn das Grübeln beginnt, ob man denn vielleicht doch etwas falsch verstanden hat. Eine kostenfreie Parklücke zwischen all den kostenpflichtigen? Irgendwie merkwürdig, oder? Insgeheim rechne ich mit einem Knöllchen, oder womöglich wurde der Wagen sogar abgeschleppt? Da ich mich zu diesem Zeitpunkt Kilometer vom Ziel befinde, sind diese Gedanken sowieso müßig, treiben meinen Schritt aber doch sorgenvoll voran. Aber das wird erst viel später kommen, denn erst einmal müssen wir ja den Startpunkt unserer Tour finden.

Einruhr ist für uns an diesem Tag kein Glücksbringer. Direkt vor einem gepflegten Hotel merke ich, aus gegebenen Anlass, dass ich die kleinen roten Tütchen für Emis Hinterlassenschaften nicht dabei habe. Improvisation ist gefragt, und auch wenn das recht gut klappt, so ist noch lange kein Abfalleimer in Sicht.  Wir machen wahrlich keine gute Figur auf den ersten Schritten unserer Runde. Dort, wo der Ort langsam aufhört und für uns der eigentliche Wanderweg beginnt, finden wir dann neben einer riesigen Wanderkarte auch einen Mülleimer. In dieser Situation ein himmlicher Anblick, der die Laune enorm steigert. So ganz rund ist es bis jetzt ja auch noch nicht gelaufen.

Da wir heute auf dem Oberseerandweg laufen, habe ich mir berechtigte Sorgen gemacht, dass es hier recht voll werden könnte. Man beachte das traumhafte Wetter, und außerdem haben wir ja noch Osterferien. Der Obersee ist nicht nur wunderschön, sondern er zieht natürlich auch viele Besucher. Wo sie aber auf unseren ersten Kilometern abgeblieben sind, bleibt mir ein Rätsel. Womöglich haben sie die einfacherer Variante gewählt und schippern nun über den See.




Wir dagegen laufen, und zwar eine Strecke, die wirklich sehr malerisch ist. Links von uns schimmert der See durch die noch winterlich gekleideten Bäume und Büsche, der anfänglich breite Weg lässt uns mit längerer Leine viel Bewegungsfreiraum, alle paar Meter lädt eine Bank zum Verweilen ein, und die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Mal laufen wir durch Wiesen, dann  durch lichte Wälder, ab und zu plätschert ein Bach neben uns bergabwärts. In der Stille hört man Vogelgezwitscher und andere leise Geräusche, die ein Wald so mit sich bringt. Harmonischer kann es kaum sein.
 






Ein Genussweg, hätte ich nicht heute wieder dieses Gruselgefühl im Gepäck. Mann, was ist es hier einsam. Es macht sich wirklich bezahlt, dass wir uns in der Schlechtwetterphase der letzten Tage durch die düstere skandinavische Krimireihe geschaut haben, wo jede Person, die darin auftaucht, Dreck am Stecken hat und einen potentiellen Mörder darstellt. Mensch Leute, so etwas prägt doch den Zuschauer, und alles wird nun hier und jetzt freigesetzt, so wie damals, als ich mit Emi das fremde Feld in der Dämmerung erkundete.






Als ein älteres Paar mit Nordic Walking Ausrüstung uns entgegenkommt, würde ich die beiden am liebsten knutschen, so willkommen ist mir deren Anblick. Sie sind das erste Zeichen menschlichen Lebens seit gut einer Stunde, puh. Sollte ich im späteren Verlauf doch noch verschleppt werden, so geben sie immerhin gute Zeugen ab.

Ab der Urftseestaumauer werde ich sehnsüchtig an diese Stille zurückdenken, denn die ist ab diesem Zeitpunkt definitiv Vergangenheit. Hier gibt es auch die erste fiese Steigung, die Emi und ich in Angriff nehmen müssen. Später werde ich A. in einem Kommentar erzählen, dass die Steigung sich (in meinen Waden und Lunge) so anfühlte, als müsse sie im Schnee oder in Wolken enden. Letztendlich kommen wir aber auf der Staumauer aus und genießen einen herrlichen Ausblick.









Hier wird es voll und turbulent, denn am Ende der Staumauer gibt es eine gutbesuchte Einkehrmöglichkeit, und richtig laut wird es besonders dann, als Emi und ich an ein paar Tischen vorbei müssen. Der Weg führt uns nun mal so, was soll man da machen?
Plötzlich erklingt nämlich ein lautes Klirren rechts von uns, und Emi macht einen entsetzten Satz zur Seite, den ich mit der Leine noch gerade abfangen kann. Ohne wäre sie jetzt schon wieder auf der Flucht.
Laut bellend schießt ein schwarzer Labrador unter einem der Plastiktische hervor, ruckt an diesem so stark, dass alle Gläser sofort kippen und sich in Scherben verwandeln. Die Leute am Nachbartisch johlen und prosten den Hundebesitzern zu. Wir entziehen uns dem Towubahohu und sind bald wieder im Wald. Da sind wir besser aufgehoben.

Hier wird Emi dann selbst ganz kurz zum Jäger. Lustig hoppelt sie hinter einem für mich zuerst unsichtbaren Tier über den Weg. Dieses ist anscheinend so flink, dass Emi gar keine Chance hat. Ich dagegen freue mich über die niedliche Mauereidechse, die ich nach ein paar mislungenen Versuchen tatsächlich aufs Foto bannen kann. Ohne Emi hätte ich diese sicherlich nie bemerkt.



Der weitere Weg führt uns meist durch Waldgebiet, rechts der See, links Felsen und Wald. Schön, aber auch voll. Viele Familien sind unterwegs, oft Väter mit Kindern auf Fahrräder, viele auch zu Fuß. Diese wandern sicherlich eine wesentlich kürzere Strecke als wir beide, denn ich merke langsam, dass unsere Schritte schwerer werden. Vor uns liegen aber noch einige Kilometer.


Als wir Rurberg erreichen knallt die Sonne dermaßen vom Himmel, dass wir beide noch sehnsüchtiger das Ziel herbeisehen oder wenigstens schützende Bäume.
Hier beginne ich auch langsam mich mit dem Thema kostenlose Parklücke auseinanderzusetzen. Stimmt, mein Kopf hat ja jetzt wieder Kapazitäten frei, denn das Thema Mörder in einsamer Landschaft ist an diesem Ort eher abwegig. In Rurberg ist nämlich sehr viel los. Der Ort ist ein beliebtes Ausflugsziel. Viele Besucher begegnen uns auf dem Staudamm Paulushof. Dass Rurberg auch bei Motorradfahrern sehr beliebt ist, merkt man ganz deutlich. Aber immerhin beschleunige ich bedingt durch die Parkplatzsorge meinen Schritt, und so schaffen Emi und ich die nächste kräftezehrende Steigung, die uns wieder in einen Wald führt, fast mit einem Schwung.

Unterbrochen durch vermehrte Trinkpausen, mal aus dem Rucksack, mal aus der Natur, wandern wir entspannt weiter am Obersee vorbei. Am frühen Nachmittag sind so gut wie alle Sitzgelegenheiten besetzt. Chillen in der Sonne ist angesagt, wobei diese tiefenentspannten Menschen wohl aus einem der nahegelegenen Nachbarländer kommen. So definiere ich das Stimmengewirr und die sich immer wiederholende freundliche Begrüßung.




Mit dieser entspannten Stimmung erreichen wir zur besten Kuchenzeit Einruhr. Auch hier herrscht Urlaubsstimmung. Das Leben findet draußen statt. Die Cafes sind verständlicherweise gut besetzt und sehen richtig einladend aus. Uns zieht es aber mit letzter Kraft nun wirklich Richtung Auto, und das steht natürlich in der kostenfreien Parklücke unversehrt und leider auch etwas überhitzt. Aber auch das bekommen wir schnell in den Griff, damit die Heimfahrt auch angenehm verlaufen kann.

Auf dem Rückweg lassen wir die Navidame dann mal reden, reden, reden und folgen der Beschilderung vor Ort. Aus diesem Grund erreichen wir die Autobahn heimwärts wesentlich schneller und einfacher. Bis dahin schlummert Emi aber schon im gut klimatisierten Wagen und träumt von Mauereidechse auf Toast.


Wanderung: Oberseerandweg
Länge: 15,5 km
Schwierigkeit: mittel
Dauer: 4:45 h

Kommentare:

  1. Oh - ihr zwei Wanderinnen - das tönt aber spannend und originell - wunderbare Landschaft gepaart mit Krimmistimmung und zum Abschluss gebratene Mauereidechse auf Toast. Ich muss schon wauzen, da wäre ich gerne mitgepfotet.
    Wandergrüsse von Ayka

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Sylvia,

    das wäre eine Tour ganz nach meinem Geschmack gewesen, zumindest auf den einsamen Streckenabschnitten. Die Sache mit dem Navi ist doof, auch die fehlenden Hundetüten. Deshalb hat Frauchen in jeder Jacke, Hose und Co. eine Rolle mit Tütchen deponiert, so kommen wir gar nicht erst in die Verlegenheit. So eine Restaurant-Sache ist uns zum Glück noch nicht passiert, hoffentlich bleibt es so. :-)

    Wuff-Wuff dein Chris

    AntwortenLöschen
  3. Eine schöne Tour und vor allem sehr schön und bildreich erzählt! Das man die Hundetüten mal vergisst und Zweifel an der Parklücke aufkommen, das passiert jedem mal! Die Sache mit dem Restaurant war zwar doof, aber nicht für euch! Hauptsache ihr hattet euren Spass!

    LG Jérôme

    AntwortenLöschen
  4. Was für ein Abenteuer.....Scherben, Echsen und das mulmige Gefühl wegen des Parkplatzes...Ich bin genauso und hätte auch immer daran denken müssen. Eine tolle Wanderung für uns am Bildschirm.....

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    AntwortenLöschen
  5. Aaaah, da gibt es so viele Gemeinsamkeiten, dass W I R unbedingt mal zusammen wandern gehen sollten. Schließlich kommen auch wir mit Navi nicht immer da an, wo wir wollen und statt sich über einen auf dieser Welt raren Parkplätze zu freuen, machen auch wir uns unentwegt Sorgen, ob das nicht versehentlich wieder gar kein Parkplatz war. Auch die ersten Meter gestalten sich bei uns selten flüssig, ist doch gerade das Auffinden der Startposition mehr als heikel. Natürlich bringt Dich das bis jetzt nicht weiter, aber immerhin wäre geteiltes Leid halbes Leid... lach

    Über menschenleere Wegstrecken lenke ich gekonnt von Gruseligem ab, liebe ich doch die Einsamkeit und erschrecke immer dann, wenn plötzlich und unerwartet Menschen auf dem Radar auftauchen. Bei der Gelegenheit kannst Du mir gleich persönlich sagen, wie sich Waden und Lungenflügel anfühlen...

    Und wütende Hunde unter Plastiktischen lassen wir mal getrost Lindas Sorge sein... *grins*

    Hach, wir wären gern dabei gewesen.

    Andrea und Linda

    AntwortenLöschen